Mittagsvollmond, das Äquivalent zur Mitternachtssonne

Es ist allgemein bekannt, dass die Sonne auf der Nordhalbkugel der Erde im Süden steht, wenn sie mittags ihren höchsten Punkt erreicht hat. Ihren tiefsten Punkt erreicht sie um Mitternacht im Norden. In den gemässigten und tropischen Breiten ist sie dann unter dem Horizont und daher nicht zu sehen. Da der Vollmond der Sonne gegenübersteht, erreicht er seinen höchsten Punkt im Süden um Mitternacht und hat seinen tiefsten Punkt mittags im Norden. In den tropischen und gemässigten Breiten steht er dann unter dem Horizont und ist nicht zu sehen.
Der höchste Punkt der Sonne nimmt mit der geographischen Breite ab. Im hohen Norden, nördlich des Polarkreises, ist der Bogen des Sonnenlaufs, die Ekliptik, so flach, dass die Sonne viel weniger über den Horizont steigt als in den gemässigten oder tropischen Breiten. Entsprechend geht sie nachts nicht so tief unter den Horizont, so dass sie im Sommer gar nicht untergeht und daher zur Zeit der Sonnenwende um Mitternacht im Norden zu sehen ist. Das Phänomen wird Mitternachtssonne genannt.
Ein entsprechendes Phänomen zeigt auch der Mond. Da der Vollmond der Sonne gegenübersteht, steht er immer dann, wenn die Sonne am tiefsten steht, am höchsten. Daher geht er im Gebiet nördlich des Polarkreises zur Zeit der winterlichen Sonnenwende nicht unter und kann mittags im Norden an seinem tiefsten Punkt über dem Horizont beobachtet werden. Das zeigt die untenstehende Bildserie.








Die Ekliptik hat ihren höchten Punkt über dem Horizont zwischen dem Stier und den Zwillingen. Zur Zeit der sommerlichen Sonnenwende steht die Sonne dort, und ebenso der Vollmond zur Zeit der winterlichen Sonnenwende. Da der Mond einmal im Monat durch den Tierkreis geht, steht er auch einmal im Monat zwischen dem Stier und den Zwillingen und geht dann nördlich des nördlichen Polarkreises nicht unter. Wenn der Mond zur Zeit der Sommersonnenwende bei der Sonne steht, ist Neumond, so dass er nicht untergeht, auch wenn er nicht sichtbar ist. Im Frühling und Herbst kann er am Morgen- bzw. am Abend im Norden beobachtet werden, wenn er zwischen dem Stier und den Zwillingen steht.
Auch die Planeten zeigen dieses Phänomen. Wenn sie zwischen dem Stier und den Zwillingen stehen, gehen sie im Gebiet nördlich des Polarkreises nicht unter den Horizont. Voraussetzung ist jedoch, dass sie nah genug oder besser oberhalb der Ekliptik stehen oder man weit genug im Norden beobachtet. Da sie in der Dämmerung schlecht zu sehen sind, muss der Beobachtungspunkt ebenfalls weit genug im Norden liegen.
Auf der Südhalbkugel der Erde gelten die besprochenen Phänomene analog. Die Sonne erreicht im Winter ihren höchsten Stand und steht dann im Steinbock. Entsprechend ist der Mittagsvollmond zur Zeit der Sommersonnenwende im Gebiet südlich des südlichen Polarkreises in südlicher Richtung zu sehen.
Wer das Phänomen selbst beobachten möchte, ohne in die Polargebiete zu fahren, kann dazu eine Webcam wie die von Longyearbyen-Camp-Barentz auf Spitzbergen benutzen. Sie ist nach Norden gerichtet. Die Tage, in denen der Mond nicht untergeht, können am einfachsten bei timeanddate nachgeschaut werden. Und dann muss auf Spitzbergen das Wetter gut sein.
Hilfreich sind Planetariumprogramme wie Stellarium, bei denen immer gutes Wetter ist, oder Astronomieprogramme wie KStars, bei denen man sich die Ekliptik anzeigen lassen kann, um den Sonnenwendepunkt zu finden. Dann kann man sehen, wann der Mond (oder andere Planeten) dort vorbeikommt. Oder man lässt sich die Mondbahn für einen bestimmten Tag am gewünschten Ort anzeigen und sieht dann, ob er über dem Horizont bleibt und wann er am tiefsten steht.